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In meiner Serie über Casino-Legenden habe ich bisher über Spieler geschrieben, die das Casino geschlagen haben. Heute geht es um einen Mann, der auf der anderen Seite des Tisches stand. Einen Mann, der nicht gegen das Casino spielte – sondern das Casino war.
Sol Kerzner hat das größte Casino-Imperium Afrikas aus dem Nichts aufgebaut. Er hat Milliarden verdient, mit Diktatoren verhandelt, ein Apartheid-Schlupfloch ausgenutzt, die größten Stars der Welt auf seine Bühnen geholt – und dabei alles riskiert: sein Vermögen, seinen Ruf und am Ende seine Familie.
Das ist seine Geschichte.
Der Anfang: Vom Obstladen zum ersten Hotel
Solomon Kerzner wurde 1935 in Doornfontein geboren, einem bescheidenen Vorort von Johannesburg. Seine Eltern waren russisch-jüdische Einwanderer, die ein kleines Obstgeschäft betrieben. Kein Glamour, kein Geld, keine Kontakte – nur harte Arbeit.
Kerzner studierte Rechnungswesen und wurde Buchhalter. Ein solider, unauffälliger Beruf. Aber Kerzner war kein unauffälliger Mensch.
Mit 27 Jahren kaufte er 1962 sein erstes Hotel – das Astra Hotel in Durban. Zwei Jahre später eröffnete er das Beverly Hills Hotel an der Küste von KwaZulu-Natal. Es war Südafrikas erstes Fünf-Sterne-Hotel. Kerzner hatte seine Buchhalter-Klienten überredet, das Projekt zu finanzieren. Er hatte kein eigenes Geld – nur Überzeugungskraft.
Innerhalb von fünf Jahren baute er 31 Hotels auf. 1969 gründete er mit South African Breweries die Southern Sun Hotel Group. Südafrika hatte seinen ersten Hotel-Mogul.
Aber Hotels allein reichten Kerzner nicht. Er wollte mehr. Er wollte etwas bauen, das es auf dem ganzen Kontinent noch nicht gab.
Sun City: Das Las Vegas Afrikas
Die geniale Idee
In Südafrika war Glücksspiel in den 1970er Jahren verboten. Komplett. Kein Casino, kein Roulette, keine Spielautomaten. Für einen Mann wie Kerzner war das kein Problem – es war eine Gelegenheit.
Das Apartheid-Regime hatte sogenannte „Homelands“ geschaffen – Gebiete, die angeblich unabhängige Staaten waren, in Wahrheit aber Instrumente der Rassentrennung. Eines dieser Homelands war Bophuthatswana, nur 140 Kilometer nordwestlich von Johannesburg.
Kerzners Kalkulation war einfach: Wenn Bophuthatswana offiziell ein „unabhängiger Staat“ war, dann galten südafrikanische Gesetze dort nicht. Und wenn südafrikanische Gesetze dort nicht galten, dann konnte man dort ein Casino bauen.
Der Bau
Am 7. Dezember 1979 eröffnete Sun City. Was als 25-Millionen-Rand-Projekt begann, wuchs über zehn Jahre zu einem gigantischen Unterhaltungskomplex:
| Element | Detail |
|---|---|
| Hotels | 4 Luxus-Hotels, darunter der legendäre „Palace of the Lost City“ |
| Casino | Eines der größten Casinos der südlichen Hemisphäre |
| Golfplätze | 2 Championship-Courses, entworfen von Gary Player |
| Arena | 6.000 Plätze – Superbowl Entertainment Centre |
| Weitere Attraktionen | Künstlicher See, Wellenbad, Wasserpark, Wildreservat |
Sun City war mehr als ein Casino. Es war ein Fantasy-Resort mitten im afrikanischen Busch – eine Mischung aus Las Vegas und Disneyland, umgeben von nichts als Savanne.
Die Stars kamen
Kerzner wusste: Um Sun City berühmt zu machen, brauchte er die größten Namen der Welt auf seiner Bühne. Und er bekam sie:
- Frank Sinatra – für eine gemunkelte Gage von 2 Millionen Dollar
- Elton John
- Queen
- Liza Minnelli
- Rod Stewart
- Julio Iglesias
Für viele südafrikanische Weiße war Sun City das ultimative Wochenendziel. Drei Stunden fahren, Roulette spielen, Sinatra live sehen, am Pool liegen – und vergessen, dass draußen ein Land im Chaos versank.
Die dunkle Seite: Apartheid und Protest
Das Paradox
Hier wird die Geschichte kompliziert – und unbequem.
Sun City war einer der wenigen Orte in Südafrika, an dem keine Rassentrennung herrschte. Schwarze und Weiße spielten am selben Roulette-Tisch, saßen im selben Restaurant, schwammen im selben Pool. In einem Land, in dem das sonst nirgendwo möglich war.
Gleichzeitig existierte Sun City nur, weil das Apartheid-System die Homelands geschaffen hatte. Kerzner profitierte direkt von der Rassentrennung – der Mechanismus, der sein Casino möglich machte, war derselbe, der Millionen Schwarze unterdrückte.
War Sun City also progressiv oder zynisch? Wahrscheinlich beides.
„I Ain\’t Gonna Play Sun City“
1985 hatte die Welt genug. Der Gitarrist Steven Van Zandt – bekannt als Mitglied von Bruce Springsteens E Street Band – gründete die Initiative „Artists United Against Apartheid“.
Sie nahmen den Song „Sun City“ auf – einen wütenden Protestsong gegen das Resort und jeden Künstler, der dort auftrat. Mit dabei:
- Bruce Springsteen
- Miles Davis
- Bob Dylan
- Lou Reed
- Run-D.M.C.
- Bono
- Peter Gabriel
Der Song wurde ein weltweiter Hit und machte Sun City zum Symbol für die Komplizenschaft der Unterhaltungsindustrie mit dem Apartheid-Regime. Künstler, die trotzdem in Sun City auftraten, landeten auf einer Boykott-Liste der Vereinten Nationen.
Kerzner stand plötzlich im Kreuzfeuer der internationalen Kritik.
Insider-Tipp: Die Geschichte von Sun City zeigt etwas, das viele Casino-Besucher nicht sehen: Casinos existieren nicht im luftleeren Raum. Sie sind immer Teil eines politischen und gesellschaftlichen Systems. Sun City war Unterhaltung – aber es war auch ein Werkzeug der Apartheid. Wer in einem Casino spielt, sollte sich fragen: Wem gehört dieser Laden? Wohin fließt mein Geld? Welches System unterstütze ich damit? Das gilt heute genauso wie 1985.
Der Bestechungsskandal
Als wäre die Apartheid-Kontroverse nicht genug, kam 1990 der nächste Schlag.
Es wurde aufgedeckt, dass Kerzner 5 Millionen Rand an den Chief Minister der Transkei – eines weiteren Homelands – gezahlt hatte, um Casino-Lizenzen zu bekommen. Davon waren mindestens 2 Millionen Rand eine direkte Bestechung.
Der Premierminister der Transkei wurde inhaftiert. Kerzner? Der floh in die USA.
Das Verfahren gegen ihn wurde 1997 eingestellt – unter Umständen, die bis heute umstritten sind. Kerzner bestritt jede Schuld. Aber sein Ruf in Südafrika war beschädigt.

Das internationale Imperium
Kerzner ließ sich nicht aufhalten. Wenn Südafrika ihn nicht mehr wollte, dann würde er die Welt erobern.
Atlantis, Bahamas (1994)
Auf Paradise Island in den Bahamas baute Kerzner das Atlantis Resort – ein Mega-Komplex im Stil der versunkenen Stadt Atlantis. Mit Unterwasser-Aquarien, einem riesigen Casino, Wasserrutschen und Luxus-Hotels. Das Resort wurde von 1.500 auf 2.300 Zimmer erweitert und zu einem der berühmtesten Resorts der Welt.
Mohegan Sun, Connecticut (1996)
Zusammen mit der Mohegan-Indianernation entwickelte Kerzner das Mohegan Sun – ein 240 Hektar großes Casino-Resort, das mit einer 1-Milliarde-Dollar-Erweiterung zu einem der größten Casinos der Welt wurde.
One&Only Resorts
Kerzner gründete die Luxus-Hotelmarke One&Only – mit Resorts in Dubai, den Malediven, Mauritius, Mexiko, Marokko und China. Die Marke wurde zum Synonym für Ultra-Luxus.
| Projekt | Standort | Besonderheit |
|---|---|---|
| Sun City | Südafrika | Das Las Vegas Afrikas – sein Meisterwerk |
| Atlantis | Bahamas | Mega-Resort auf Paradise Island |
| Mohegan Sun | Connecticut, USA | Eines der größten Casinos der Welt |
| One&Only | Weltweit | Ultra-Luxus-Hotelmarke |
In der Casino-Branche wurde Kerzner oft mit Steve Wynn verglichen – dem Mann, der Las Vegas modernisierte. Was Wynn für Nevada war, war Kerzner für den Rest der Welt.
Die Tragödien
Hinter dem Glamour verbarg sich eine Geschichte voller persönlicher Verluste. Sol Kerzners Privatleben liest sich wie ein Drama, das kein Drehbuchautor erfinden würde.
Vier Ehen
| Ehe | Ehefrau | Details |
|---|---|---|
| 1. | Maureen Adler | 3 Kinder: Butch, Andrea, Beverly |
| 2. | Shirley Bestbier | 2 Kinder: Brandon, Chantal. Shirley beging Suizid kurz nach der Geburt des zweiten Kindes |
| 3. | Anneline Kriel | Miss World 1974. Scheidung nach 5 Jahren |
| 4. | Heather Murphy | Heirat 2000, Scheidung 2011 |
Der Tod seines Sohnes
Am 11. Oktober 2006 stürzte ein Hubschrauber in der Nähe von Sosúa in der Dominikanischen Republik ab. An Bord war Howard „Butch“ Kerzner – Sols ältester Sohn, 42 Jahre alt, und CEO von Kerzner International.
Butch war auf dem Weg, ein Gelände für ein neues Resort zu besichtigen. Er hinterließ seine Frau Vanessa und zwei Kinder – Tai und Kailin.
Butch war nicht nur Sols Sohn – er war sein Nachfolger. Der Mann, der das Imperium weiterführen sollte. Mit seinem Tod verlor Kerzner nicht nur sein Kind, sondern auch die Zukunft seines Lebenswerks.
Insider-Tipp: Ich habe in meiner Casino-Karriere viele Menschen kennengelernt, die dem Glücksspiel verfallen waren. Aber Sol Kerzners Geschichte zeigt: Auch auf der anderen Seite des Tisches – bei denen, die das Casino besitzen – fordert diese Branche ihren Preis. Kerzner baute ein Imperium, aber er bezahlte dafür mit gescheiterten Ehen, Skandalen und dem Verlust seines Sohnes. Die Casino-Welt ist glamourös von außen – aber sie frisst Menschen auf, auf beiden Seiten des Tisches.
Der Abstieg und das Ende
Nach Butchs Tod war Kerzner ein anderer Mensch. Die Energie, die ihn sein ganzes Leben angetrieben hatte, schwand.
2005 hatte er Kerzner International für 3,6 Milliarden Dollar von der New Yorker Börse genommen – ein Deal, der ihn tief in die Schulden trieb. Ohne Butch fehlte der Nachfolger, der das Unternehmen hätte stabilisieren können.
2010 erhielt er einen ehrenhaften Ritterschlag für seine Verdienste um die Bahamas – eine der wenigen Anerkennungen, die ihm am Ende noch geblieben waren.
2014 zog sich Kerzner auf sein Anwesen bei Kapstadt zurück.
Am 21. März 2020 starb Solomon Kerzner an Krebs. Er wurde 84 Jahre alt.
Das Vermächtnis
Was bleibt von Sol Kerzner?
Sun International – sein Unternehmen – betreibt heute Casinos in 8 von 9 südafrikanischen Provinzen. Sun City steht immer noch, jetzt als Resort für alle Südafrikaner, ohne die Schatten der Apartheid. Die One&Only-Hotels gehören zu den exklusivsten der Welt. Und auf den Bahamas ist das Atlantis Resort immer noch eine der größten Touristenattraktionen der Karibik.
Kerzner hat die Casino-Industrie in Afrika im Alleingang geschaffen. Vor ihm gab es kein legales Glücksspiel auf dem Kontinent. Nach ihm war es eine Milliarden-Industrie.
Aber sein Vermächtnis ist gespalten – wie der Mann selbst:
| Licht | Schatten |
|---|---|
| Schuf Südafrikas Tourismus-Industrie | Profitierte vom Apartheid-System |
| Sun City als Ort ohne Rassentrennung | Sun City existierte nur wegen der Homelands |
| Weltklasse-Resorts auf mehreren Kontinenten | Bestechung für Casino-Lizenzen in der Transkei |
| Zehntausende Arbeitsplätze geschaffen | Persönliches Leben voller Tragödien und Brüche |
Was diese Geschichte lehrt
Sol Kerzner war kein Spieler – er war das Haus. Und seine Geschichte zeigt das Casino-Geschäft von einer Seite, die normale Spieler nie sehen:
1. Casinos sind politisch. Sun City konnte nur gebaut werden, weil ein rassistisches System ein Schlupfloch schuf. Kerzner nutzte es – und wurde dafür gefeiert und verdammt.
2. Das Haus gewinnt immer – aber zu welchem Preis? Kerzner wurde reich, aber er verlor zwei Ehefrauen, seinen Sohn und beinahe seine Freiheit.
3. Die Casino-Branche ist eine Maschinerie. Vom Obstladen-Sohn zum Ritterschlag. Vom Ritterschlag zum einsamen Anwesen bei Kapstadt. Die gleiche Branche, die Menschen nach oben katapultiert, kann sie genauso schnell wieder fallen lassen.
4. Glamour ist eine Fassade. Sun City sah aus wie ein Paradies – aber es war auf den Fundamenten eines unmenschlichen Systems gebaut. Atlantis sah aus wie eine Fantasie-Welt – aber dahinter standen Milliardenschulden. Die Casino-Welt ist meisterhaft darin, Oberflächen zu schaffen, die von der Realität ablenken.
Insider-Tipp: Als Casino-Mitarbeiter habe ich Sol Kerzner nie persönlich getroffen. Aber ich habe seine Wirkung gespürt – in der Art, wie moderne Casinos designt, vermarktet und betrieben werden. Die VIP-Programme, die Watanabe ruinierten. Die psychologischen Tricks, die ich in meinem Artikel über Casino-Manipulation beschreibe. Die Maschinerie, die ich in meinem Erfahrungsbericht enthülle. Das alles geht auf Männer wie Kerzner zurück. Zu verstehen, wer das Casino baut und warum, ist genauso wichtig wie zu verstehen, wie die Spiele funktionieren.
- Roulette Legenden: Die wahren Geschichten der berühmtesten Spieler
- 10 psychologische Tricks, mit denen Casinos dich manipulieren
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Guido
Ehemaliger Casino-Mitarbeiter mit 23 Jahren Branchenerfahrung. Schreibt ehrlich und unabhängig über Online Casinos, Sportwetten und Spielerschutz.